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Das BioM-Interview - mit Simon Moroney, CEO MorphoSys

MorphoSys´ Simon Moroney über die jüngste Meldungskaskade zum Jahresende 2010

Mehrere Meilensteine mit den Partnern erreicht, einen Partnerschaftsvertrag rings um die Neuerwerbung Sloning deutlich verbessert und eine deutliche Anhebung der Jahresprognose - das war dann für schwache Nerven fast schon etwas zuviel des Guten in dieser Häufung. Aber mit ein bißchen Abstand wollen wir mit CEO Simon Moroney dies etwas näher abklopfen: 

BioM: Fast schon im feststehenden Rhythmus kommen bei MOR anscheinend die besten Nachrichten kurz vor Weihnachten. Gibt es dafür eigentlich eine Erklärung?

Simon Moroney: Im Fall unseres Vertrags mit Pfizer haben wir durch die Übernahme der Sloning BioTechnology GmbH erst im Oktober die Weichen gestellt. Pfizer befand sich zu dem Zeitpunkt schon in Verhandlungen mit Sloning, und unser Business Development Team ist direkt in die Verhandlungen mit eingestiegen. Es war also nicht sicher, ob es vor Jahresende klappen würde, aber wir haben es dann doch geschafft.

  

BioM: Vielleicht ist das ja auch wirklich eine Fehlwahrnehmung und viele gute Nachrichten sind über den Jahresverlauf nicht so richtig ins Auge gesprungen. War dieser „massive“ Newspaukenschlag womöglich bewusst gesetzt, um besondere Aufmerksamkeit auch hervorzurufen?

MOR: Es stimmt, viele unserer guten Nachrichten wurden in 2010 nicht mit einer positiven Kursentwicklung bedacht, denn es war wirklich ein tolles Jahr für uns mit einigen wichtigen Nachrichten, wie der Einlizensierung eines anti-CD19 Antikörpers von der US-Biotech-Firma Xencor um unsere eigenen Pipeline zu stärken oder die Verdopplung unserer klinischen Pipeline. Die Bündelung dieser drei Pressemitteilungen am Jahresende hatte hingegen eher inhaltliche Gründe. Das Erreichen der drei klinischen Meilensteine mit Partnern war wichtig für die Finanzprognose, aber erst der neue Vertrag mit Pfizer hat, für uns als börsennotierte Firma verpflichtend, eine Anhebung der Prognose auf 91 – 94 Mio. € bei einem operativen Gewinn von 13 – 16 Mio. € ausgelöst.

  

 BioM: Jedenfalls hat dies ja Wirkung gezeigt, zumindest kurzfristig. Was muss und wird MOR nun tun, um diese Aufmerksamkeit und neue Erwartungshaltung auch langfristig wach zu halten und zu befriedigen, vielleicht auch auf internationalen Handelsplätzen?

MOR: Unsere Strategie weiterhin konsequent verfolgen. Viele Investoren, insbesondere und zunehmend in den USA, schätzen unser Profil als profitabler Medikamentenentwickler, der aus dem eigenen Geschäft heraus die Finanzkraft generiert, um nennenswert und sinnvoll in die eigene Pipeline zu investieren. Ebenso wie die Tatsache, dass wir nicht von einem oder wenigen Medikamentenentwicklungen abhängig sind, sondern eine der, vielleicht die breiteste Antikörper-Pipeline in der Industrie vorweisen können.

 

 BioM: Wenn wir richtig gelesen haben, gibt es derzeit über 70 Antikörper-Projekte bei MOR. Das muss ja den Großteil der Belegschaft absorbieren, oder finden die „Partnerprojekte“ dann auch wirklich eher beim Partner statt als bei Ihnen, wie ist da die Aufteilung?

 MOR: Es ist tatsächlich so, dass ein guter Teil unsere Forscher stets auf Kundenprojekten arbeitet. Sobald jedoch die richtigen Antikörperkandidaten identifiziert sind, sind die Projekte von unserer Seite abgeschlossen und werden vollständig von den Partnern weiter vorangetrieben: Die entsprechenden MorphoSys-Mitarbeiter wenden sich dann neuen Projekten zu. Zunehmend arbeiten unsere Wissenschaftler aber auch auf unseren eigenen Medikamentenprogrammen und begleiten diese über einen längeren Zeitraum. Diese Abteilung hat personell in den vergangenen 1 – 2 Jahren auch den größten Zuwachs gesehen.

 

BioM: Nun haben Sie mit der Übernahme der Puchheimer Sloning BioTechnology eine zusätzliche Technologieoption im Angebot, die anscheinend auch auf Interesse stößt. Manchmal fragt man sich ja, warum bei Meldungen über Kooperationen – wie im Falle Slonomics/Pfizer – die ja als bedeutend und wertsteigernd bezeichnet werden, nicht auch mehr Finanzdetails bekanntgegeben werden. Würde soetwas es nicht einfacher machen auch den Unternehmenswert besser abschätzen zu können? Oder wollen Sie kein so offensichtliches „Preisschild“ für diese Technologie kommunizieren?

MOR: Finanzielle Details sind immer schwierig. Zum Teil will der Partner nicht, dass sie genannt werden und es kann auch uns in zukünftigen Verhandlungen einengen. Die finanziellen Auswirkungen des Pfizer-Deals sieht man hingegen indirekt durch die Prognose-Erhöhung. Und wir stehen erst am Anfang die Synergien zwischen den gemeinsamen Technologieplattformen zu realisieren.

  

BioM: Auch die MOR-Partner werden sich ja so ihre Gedanken über den Unternehmenswert machen. Da meine ich natürlich insbesondere Novartis. Rechnen Sie denn selbst so, ab dem wievielten Milestone-Payment es für Novartis vielleicht „billiger“ ist ein paar mehr Aktien oder die ganze Firma zu kaufen, oder gibt es überhaupt keine solchen Gedankenspiele in der Realität und so etwas findet nur in den Börsenforen statt? Ist MOR bei Novartis überhaupt so sehr „auf dem Schirm“ oder eher noch eine Firmenkooperation unter vielen anderen?

MOR: Es kann uns als börsennotiertes Unternehmen immer passieren, dass ein Pharmakonzern ein attraktives Angebot macht. Aber wir beschäftigen uns nicht täglich mit dieser Frage, sondern vielmehr, wie wir als unabhängige Firma weiter nachhaltig wachsen und Werte schaffen können. Das ist unser Ziel.

  

BioM: Ein Thema, das derzeit überall als das Zukunftsthema gesehen wird, sehe ich bei MOR nicht so im Vordergrund: Diagnostik. Sehe ich das ganz falsch?

MOR: Genaugenommen schon. Diagnostik ist ein zunehmend wichtiges Thema für MorphoSys‘ Geschäftseinheit AbD Serotec, die Antikörper als Forschungsreagenzien und Diagnostik-Werkzeuge vermarktet. AbD Serotec arbeitet bereits mit 20 Diagnostik-Konzernen zusammen. In 2011 und 2012 könnten diese Zusammenarbeiten weitere Früchte tragen. Die Analyse von Biomarkern und die Entwicklung von „companion diagnostics“ sind weitreichende Trends in unserer Industrie und AbD Serotec sollte von der wachsenden Bedeutung von Diagnostika für die Entwicklung und den Einsatz von Medikamenten profitieren. Wir sehen ein ganzes Spektrum möglicher Allianzen mit Pharma- und Diagnostik-Unternehmen und sehen unsere Technologie und AbD Serotec an der Nahtstelle dieser beiden Branchen. Und wir verfolgen diese Strategien auch für unsere eigene Pipeline, beispielsweise innerhalb der Initiative m4 des Münchener Biotech-Clusters.

  

BioM: Ist das in der Kommunikation denn so sinnvoll, diese Bereiche in unterschiedlichen Geschäftseinheiten und Marken zu transportieren, statt sich als EIN Unternehmen darzustellen, dass die Technologieplattformen als Service vermarktet, im Kundenauftrag Antikörper für Therapie und Diagnostik entwickelt – aber auch selbst Entwickler ist und einmal eigene therapeutische und diagnostische Produkte vermarktet?

MOR: Beide Märkte funktionieren sehr unterschiedlich, deshalb macht es Sinn, zwei Markenwelten aufzubauen. MorphoSys hat eine Historie als Partner der Pharmabranche in der Antikörper-basierten Medikamentenentwicklung. AbD Serotec hat sich eine breite Kundenbasis in der Forschung erarbeitet. Es gibt zahlreiche Beispiele, dass sich beide Geschäftseinheiten ergänzen können und auch Kunden oder Partner von der einen Sparte in die andere wechseln.

  

BioM: Über die Sloning-Akquisition hat MorphoSys nun auch erste Schnittstellen zur sogenannten weißen oder auch industriellen Biotechnologie? Wie sehen ihre Pläne da aus?

MOR: Unser Schwerpunkt wird die medizinische Anwendungen, die rote Biotechnologie, bleiben und die Akquisition lohnte sich schon für alleine die therapeutischen Anwendungen. In unserem Kerngeschäft mit Antikörpern ist aus der Kombination der Sloning-Plattform mit MorphoSys Know-How und Technologien die Antikörper-Plattform arYla™ hervorgegangen. Ihre Stärken sehen wir insbesondere bei der Optimierung von Antiköpern. Trotzdem prüfen wir gerade, welche Möglichkeiten in der weißen Biotechnologie bestehen und wie wir sie optimal nutzen können.

 

BioM: Es stecken also durchaus noch viele Entwicklungsmöglichkeiten in den verschiedenen Geschäftsbereichen! Für eine Unternehmensentwicklung braucht man ja aber vor allem auch den nötigen Platz. Wenn Sie einen Weihnachtswunsch an die Region frei hätten, was würden Sie sich für Ihre Neubaupläne wünschen wollen?

MOR: So wenig Bürokratie wie möglich, offenen, lösungsorientierten Dialog und schnelle wie verbindliche Entscheidungen. Und natürlich Bauflächen bevorzugt in der Nähe zu unserem heutigen Standort.

 

BioM: Herzlichen Dank, wir hoffen, die richtigen Leute lesen diesen Wunsch auch. Wir wünschen Ihnen und dem ganzen Team eine schöne Weihnachtszeit - und uns weiterhin viele gute Nachrichten aus Ihrem Hause.