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Zell-, Gen- und Gewebetherapien: Deutschland sollte zu den Topnationen aufschließen

Wie kann Deutschland auch eine führende Rolle bei der Translation von ATMP in konkrete Therapien einnehmen? Das war Thema der Veranstaltung „ATMP: Neuartig und besonders? – Bestandsaufnahme und Perspektiven in Deutschland und Bayern“ am 5. Oktober in München.

Zell-, Gen- und Gewebetherapien: Deutschland sollte zu den Topnationen aufschließen
  • Zell-, Gen- und Gewebetherapien gewinnen in Bayern und bundesweit an Bedeutung
  • vfa bio empfiehlt Maßnahmen, um Deutschlands Rolle bei diesen Therapien auszubauen

In Bayern wie in ganz Deutschland gewinnen Advanced Therapy Medicinal Products (ATMP) in Kliniken an Bedeutung. Dazu zählen Zell-, Gen- und Gewebetherapeutika, mit denen etlichen schwerkranken Patienten schon mit einer einmaligen Anwendung nachhaltig geholfen werden kann – etwa, indem ein Gendefekt korrigiert, eine schwere Krebserkrankung bekämpft oder stark geschädigtes Gewebe regeneriert wird. Deutschland zählt in der Grundlagenforschung auf diesem Gebiet mit zur Weltspitze, sollte aber auch bei der Translation in konkrete Therapien für Patienten eine führende Rolle einnehmen, so das Credo der Netzwerkorganisation BioM Biotech Cluster Development und von vfa bio, der Interessengruppe Biotechnologie im Verband der forschenden Pharma-Unternehmen. Wie das gelingen kann, war Thema ihrer zusammen mit der Boston Consulting Group (BCG) ausgerichteten Veranstaltung „ATMP: Neuartig und besonders? – Bestandsaufnahme und Perspektiven in Deutschland und Bayern“ am 5. Oktober in München.

Noch ist das Produktsegment der ATMP schmal, mit derzeit zehn zugelassenen Medikamenten für jeweils kleine Patientenkollektive, die nur in wenigen medizinischen Einrichtungen behandelt werden können. Doch für weitere sieben ATMP ist die EU-Zulassung beantragt; und rund tausend Studien laufen weltweit.

Bayern ist, was medizinische Einrichtungen zur Anwendung der Therapeutika betrifft, gut aufgestellt. „Das Ziel ist die erfolgreiche und maßgeschneiderte Bekämpfung verschiedener Krankheiten durch neue Behandlungsansätze wie ATMP. Um die innovativen Methoden der Zelltherapie noch größeren Patientengruppen zur Verfügung zu stellen, ist jedoch ein besseres Zusammenspiel von Kliniken, Wissenschaft und Unternehmen nötig“, erläuterte Prof. Dr. Horst Domdey, Geschäftsführer von BioM und Sprecher des Bayerischen Biotechnologie Clusters. „Bayern bietet dafür ein ideales Ökosystem, zudem gibt es in Ottobrunn bei München eine der wenigen deutschen Produktionsstätten für Gentherapeutika in Marktqualität.“

Allerdings rangiere Deutschland insgesamt als Produktions- und Studienstandort für ATMP international zu weit hinten, so der vfa bio-Vorsitzende Dr. Frank Mathias. Rund 47 Prozent der klinischen Gen-therapiestudien beispielsweise fänden in den USA statt, 39 Prozent in China, in Deutschland nur gut 4 Prozent. „Deutschland muss sich entscheiden, ob es diese zukunftsträchtigen Technologien nur nutzen oder auch ein wesentlicher Entwicklungs- und Produktionsstandort werden will, der Wertschöpfung generiert. Einen harten Kern aus ATMP-Kompetenz und dezidierten Unternehmen und Forschungsinstituten gibt es ja dafür. Gebraucht wird nun ein großrahmiger Plan."

Für diesen bezog sich Dr. Mathias auf Empfehlungen aus dem diesjährigen Biotechreport „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2020“ von vfa bio und BCG:

  • Gründung eines „Deutschen Zentrums der Gesundheitsforschung für ATMP“, um Forschungsinfrastruktur und Vernetzung zu stärken,
  • Gründung einer ATMP-Taskforce, die die disparaten Anforde-rungen für ATMP-Studien und -Logistik in den Bundesländern harmonisiert,
  • Personalaufstockung beim Paul-Ehrlich-Institut als der zuständigen Arzneimittelbehörde, für schnellere Beratung der Unternehmen und zügigere Freigaben von ATMP-Studienanträgen,
  • Ausbau und Automatisierung der ATMP-Produktion; Ausbildung entsprechenden Fachpersonals,
  • Schließen der Finanzierungslücke im Krankenhaus, um den frühzeitigen Einsatz zugelassener ATMP zu gewährleisten.

Dr. Mathias abschließend: „Dies wäre nicht nur zum Vorteil für den Standort, sondern ebenso für die Gesellschaft und die Patientinnen und Patienten, die auf neue Behandlungsoptionen warten.“

Weitere Informationen:

  • Jahresreport Biotechnologie Bayern 2019/20; darin ein Überblicksartikel zur Zelltherapie an bayerischen Universitätskliniken: https://www.bio-m.org/fileadmin/Webdata/Uploads/Zahlen_und_Fakten/Report2020/
  • BCG / vfa bio: „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2020 – Biopharmazeutika: Wirtschaftsdaten und Fortschritte für Patienten durch Zell- und Gentherapien“: www.vfa-bio.de/publikationen